Rede auf der Ostermarsch Auftaktkundgebung des Erlanger Bündnisses für den
Frieden

von Ayse Cindilkaya am 03. April 2010

                      Krieg spaltet - Frieden vereint!

Aufruf einer Muslimin, sich gesamtgesellschaftlich zu vereinen und in der
Friedensbewegung gemeinsam entschieden "Nein!" zu sagen zu Feindbildern,
Propaganda, Hass, Terror, Waffen und Krieg


Liebe Friedensfreundinnen und Freunde!

Ich war gerade mal zehn Jahre alt,  als uns unser Lehrer eine Karte mit den
zu dieser Zeit weltweit geführten Kriegen und bewaffneten Konflikten vor
die Nase hielt und dazu in typisch niederbayrischer Gelassenheit
sagte:"Tja, da hört's dann auf mit Gutgläubigkeit über herrschenden
Weltfrieden, gell. Forscht mal lieber selber nach! Glaubt denen da oben
nicht immer."

Zehn Jahre alt war ich, und ich war schockiert über die hohe Anzahl, sowohl
der bewaffneten Konflikte als auch der Todesopfer.

Ich konnte diese Informationen damals nicht wirklich einordnen. Ich wusste
auch nicht, wen mein Lehrer mit "die da oben" meinte, aber vor allem konnte
ich nicht glauben, dass diese vielen Kriege wahr sein sollten. Bis heute
denke ich mit gemischten Gefühlen an diese Unterrichtsstunde,.denn in
meiner Welt war Krieg nicht möglich.

In der dritten oder vierten Klasse, kann ich mich noch erinnern, haben wir
eine Doku über den zweiten Weltkrieg angeschaut, mit der ganz klaren
Botschaft, Nie wieder! Nie wieder Kriegsbeteiligung!

Und wir Jüngeren müssten diese Botschaft wahren und weitertragen.

Ich habe Kinderbücher wie "Frieden fängt zu Hause an" von Jutta Modler zur
Lektüre bekommen, die zu Versöhnung und gewaltfreier Konfliktlösung
erzogen.

So ist meine Generation in Deutschland aufgewachsen, mit einem Nein zum
Krieg. Und darauf können wir stolz sein!

Und heute?

Heute muss ich lesen,

dass der Frieden nicht zu Hause anfängt, sondern am Hindukusch!

dass dutzende Jugendoffiziere an Schulen für weltweite Militäreinsätze der
Bundeswehr werben, über nationale Interessen schwafelnd unsere Jugendlichen
für das Töten begeistern sollen, während sich unsere Regierung gleichzeitig
über Amokläufe an Schulen entrüstet und erregt darüber diskutiert "Killer-
Computer-Spiele" zu verbieten, statt dringend gebrauchtes Geld in
Bildungsmaßnahmen und den Ausbau der Sozialpolitik zu investieren. Unser
Außenminister verlacht lieber öffentlich die Ärmeren in unserer
Gesellschaft! Wie war das mit Solidarität?

Ich muss lesen,

dass Bundeswehrsoldaten, die teilweise so alt sind wie ich, von unserer
Regierung ins Ausland geschickt werden unter der Vorgabe wirtschaftliche
Aufbauhilfe zu leisten, Demokratie, Frieden und Sicherheit in die Länder zu
bringen; Dass diese Soldaten dort dann aber tatsächlich überrascht werden,
vor vollendeten kriegerischen Tatsachen stehen, eine Vielzahl an Zivilisten
töten und dabei selbst sterben.

Die Ausmaße des Afghanistaneinsatzes haben wir erst beim Bombenangriff von
Kundus  so richtig gespürt. Wir sind alle entsetzt! Unsere Regierung ist
aber weiterhin fleißig dabei, von uns Bürgern abzuverlangen, dass wir
diesen Wahnsinn nicht nur stillschweigend dulden, sondern aktiv
unterstützen! Aber was entgegnen wir, wie bis zu 80 Prozent der anderen
Bürger dieses Landes? Ein klares: Nein, nicht mit uns!

Liebe Friedensfreundinnen und Freunde,

unser Land und die gesamte EU wird schleichend militarisiert und

ich bin froh, dass wir heute in Erlangen zusammen gekommen sind, um vereint
als Freunde der gleichen Sache, zu Krieg, zu Extremisten jeden Lagers, zu
Hass und zur Entzweiung der Menschheit bedingungslos "Nein!" zu sagen.

Ich bin froh, dass wir in der Tradition der nun fünfzig Jährigen
Ostermärsche hier stehen, um einander zu erinnern, für einander Zeugen zu
sein und uns zu stärken, denn heute den Lügen und der unglaublichen Kriegs-
und Terror-Propagandamaschinerie stand zu halten, von seinen Prinzipien
nicht abzulassen, Pazifist zu bleiben und dafür auch aktiv einzustehen, ist
leider ein hohes und rares Gut geworden.

Liebe Friedensfreundinnen und Freunde,

ich möchte heute nicht für ein Gremium, sondern in erster Linie als Mensch,
als besorgte Bürgerin zu Ihnen sprechen. Ich will Ihnen einfach offen
sagen, was mich plagt.

Ich mache mir ganz besonders Sorgen über die aufgebauten Feindbilder, die
unser Vertrauen ineinander vergiften sollen! Gottlob es fallen keine Bomben
auf unser Land und unsere Körper sind nicht wie die der Afghanen oder
Iraker verstümmelt, aber man will durch Feindbilder unsere Herzen
verstümmeln.

Manchmal kann ein totes Herz ein schlimmerer Verlust sein! Die totherzigen
Kriegs-und Terror-Treiber wollen unser Band der Solidarität als Geschwister
im Menschsein zerreißen und uns weltweit in verfeindete Lager treiben! Das
können wir nicht wollen!

Ich sage Ihnen, unser aller Freundschaft und Freiheit ist gerade durch
Irrsätze wie "Unsere Sicherheit wird am Hindukusch verteidigt"
brandgefährdet!

Erlauben Sie mir auszuführen, weshalb!

Sehen Sie, viele von Ihnen kennen mich als tief gläubige Muslimin, als Kind
der Moscheen, als Gefährtin des Koran, der mir in den Nächten Trost und
Hoffnung schenkt. Ich bin hoffnungslos verliebt in den letzten Propheten
Mohamed, denn er hat mich als Kind sanft gelehrt, was Barmherzigkeit,
Friedens- und Menschenliebe bedeutet.

Gleichzeitig weiß ich, was für negative Assoziationen ich automatisch bei
vielen Menschen erwecke, allein dadurch, dass ich hier als Muslimin, als
solche erkennbar gekleidet, stehe, denn die Kriegspropaganda hat jahrelang
die Deutungshoheit über wunderschöne Begriffe wie Moschee, Muslim oder
Koran an sich gerissen und mit wesensfremden Inhalten wie grenzenloser
Gewalt, Horte des Terrors, Extremismus und Frauenunterdrückung gefüllt. Das
alles garniert mit abartig aus dem Kontext gerissenen und ihrer Deutung
entreißenden Koranversen. Und fertig ist das konstruierte Feindbild Islam!

Dieses Bild, diesen Hass, den ich weder von meinen Eltern, meinen Quellen,
noch meinen Gemeinden kenne; ich verabscheue es und seinen Inhalt
abgrundtief, weil er meinen Glauben verunstaltet und fürchte mich vor den
Konsequenzen dieses Bildes, genau wie Sie!

Oh, aber wie wir dieses Feindbild brauchen!

Und Sie wissen sicherlich, warum! Sie wissen, dass für Krieg immer
Propaganda, Lügen und Feinbilder benötigt werden. Im Moment sitzen wir
einem Feindbild "Islam" und angeblich islamisch rechtfertigbarem Terror
auf,- und vielleicht bald einem jetzt schon kräftig aufgebauten Feindbild
China.

Ein kurzer Blick auf die Ölvorkommnisse auf unserer Erde lässt uns wissen,
weshalb es die Kriegsvorbereiter, angeblich aufgrund hehrer Werte, aber
tatsächlich aufgrund ihres unstillbaren skrupellosen Hungers nach Macht und
Reichtum gerade auf die Länder, die im Moment bekriegt werden, abgesehen
haben. Dabei geht es nicht um Religion oder einen Kampf der Kulturen! Diese
Länder sind einfach zu ihrem Pech zu nah dran am Öl oder dem Weg dorthin!

Man will uns weis machen, wir würden durch unsere Kriegsunterstützung den
sogenannten internationalen Terrorismus bekämpfen! Tatsächlich wird erst
durch völkerrechtswidrige Angriffskriege Hass und Terror genährt! Und das
gerade durch Staaten, die eigentlich rein entwicklungsmäßig sehr gut wissen
müssten, dass Bombenwerfen und tausendfach Zivilisten zu Schaden kommen zu
lassen sicherlich kein Weg ist, die Herzen der lokalen, verbitterten
Bevölkerung für sich zu gewinnen.

Ich gebe Ihnen nur ein kleines Beispiel für die erschreckenden Konsequenzen
dieser Politik. In den ersten Jahren des Afghanistaneinsatzes kannte man in
Afghanistan so etwas wie Selbstmord-Terrorismus so gut wie gar nicht. 2006
sind die Selbstmordattentate plötzlich auf über 90 Fälle gestiegen, 2008
waren es schon über 130 und 80% von Ihnen direkt auf amerikanische oder
westliche militärische Ziele gerichtet.

Liebe Friedensfreundinnen und Freunde!

Es gibt seit Jahrzehnten keine Sache bei der sich weltweit die so
unterschiedlichen, über 1,3 Milliarden Muslime sicherer oder einiger waren,
als bei der Ablehnung von Terror, Extremismus und Selbstmordattentaten in
Ihrem Namen und dem Islam! Es gibt weltweit unzählige Erklärungen und
theologische Gutachten, jüngst das Umfassendste von Muhammad Tahir ul
Qadri. Bitte merken Sie sich diesen Namen! Denn wir sollen ihn bald wieder
vergessen! Er passt nicht ins Kriegs-Konzept!

Unsere Regierung will nicht, dass die deutsche nichtmuslimische Bevölkerung
hört, dass Muslime doppelt gegeißelt werden vom Terror und ihn verachten!
Sie will nicht, dass man erfährt, dass bis vor ein paar Jahren in islamisch
geprägten Ländern Selbstmordattentate undenkbar waren!

Und diese schrecklichen Phänomene fassen erst Fuß, seitdem unsere Staaten
hier Krieg führen und durch Menschenrechtsverletzungen, wie Folter, dem
Terrorismus erst den Nährboden bereiten! Die allermeisten Ermordeten des so-
geschimpften islamischen Terrorismus sind doch dazu auch noch Muslime! Wer
denkt denn in der Welt einmal an die Muslime?

Weder Kriegsführer, die ihre Soldaten als Schutzschilder benutzen, noch
Terroristen kümmern die eigenen Leute einen Dreck! Tatsächlich haben sie
keine eigenen Leute, nur ihre Ideologien!

Genau so wenig, wie man den nichtmuslimischen kriegsablehnenden Deutschen,
den über 80% in diesem Land, der Friedensbewegung genügend Raum in der
Öffentlichkeit gibt, um Signale auszusenden und Diskurse zum Positiven zu
wenden,

genau so wenig gibt man der überwältigenden Mehrheit der Muslime genügend
Raum in der Öffentlichkeit, sich zu artikulieren und die wenigen, aber
allgegenwärtigen Extremisten von der Bildfläche zu kicken!

Stattdessen werden wir mit Videos, Bildern und Drohbotschaften von
gefährlichen, aber keinen Rückhalt in der Bevölkerung habenden
Einzelpersonen und innerdeutschen Terrorwarnungen, die sich dann nach
Wochen oft als Falschmeldung entpuppen, Tag für Tag bombardiert und mit
Angst gelähmt! Extremisten, die schriftlich von Muslimen isoliert und
scharf abgelehnt wurden, gibt man vor strategisch wichtigen Zeitpunkten,
z.B. vor der Bundestagswahl riesigen Raum in unseren Medien! Erinnern wir
uns! Es werden Millionen an Steuergeldern für V-Männer ausgegeben, die das
Internet vergiften und extreme Ansichten salonfähig machen sollen.

Ich möchte ein vielleicht extremes Beispiel geben, aber vielleicht hilft
es, die Dinge auch mal von einer anderen Perspektive zu sehen.

Bitte stellen sie sich einmal vor, NPD-Funktionären würde man in den
Schweizer Medien Tag für Tag Raum geben und dabei behaupten, sie seien das
Sprachrohr der deutschen Minderheit in der Schweiz und jeder Versuch der
Deutschen, dies zu widerlegen würde totgeschwiegen! Das hätte fatale Folgen
für den gesellschaftlichen Frieden! Dies alles ist verantwortungslos,
passiert aber mit den Muslimen tagtäglich!  Diese, insbesondere muslimische
Frauen dürfen dann schauen, wie sie sich porträtiert als Monster oder ewig
Unterdrückte auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt zurechtfinden sollen. Da
will sie nämlich heute keiner mehr in guten Gegenden oder angesehenen
Stellen!

Die Kriegsführer brauchen dieses Feindbild und wollen es unbedingt am Leben
erhalten, weil sonst ihre gesamte Kriegs-PR, z.B. vom angeblichen Ziel
einer Befreiung der afghanischen Frau, bröckeln würde. Die europäische
Bevölkerung soll gezielt mit der afghanischen Frauenfrage als
Kriegsverbündete gewonnen werden. Ein reines Ablenkungsmanöver! Und gerade
echter Feminismus hat immer gegen Krieg auf Lasten und Schultern der Frauen
gekämpft! Feministinnen, die Krieg bejubeln, sind für mich keine!

Liebe Freundinnen und Freunde,

man fürchtet sich vor unserer Friedens-Opposition!

Wir sollen weiter glauben, dass die Muslime weltweit nicht gegen Terror
oder Extremismus seien,

und wir sollen weiter glauben, dass die deutsche nichtmuslimische
Bevölkerung nicht gegen Morden im Namen missbrauchter Begriffe wie Freiheit
sei!

Wir sollen einander nicht vertrauen und nicht zueinander finden! Das ist
Propaganda erster Sahne!

Und das ist, was ich meinte, als ich sagte, man will uns auseinander und in
feindliche Lager treiben!

Die, die verrückt nach Öl und Ideologien sind und dafür über tausende
Leichen zu gehen bereit sind, wollen uns allen hier, die wir friedliebend
sind, den Ton abschalten! Und wer Frieden will, muss aktiv für
Gerechtigkeit und für die Achtung der Menschen weltweit sorgen!

Liebe Friedensfreundinnen und Freunde!

Wir müssen alle zusammenhalten! Jetzt erst recht! Hier vor Ort  und in der
weltweiten Friedensbewegung, in dem wir mehr Menschen für den Kriegsstopp
gewinnen! Denn Frieden fängt im Herzen, zu Hause an! Nicht am Hindukusch
oder sonst wo! Wir müssen Geld in Bildungsmaßnahmen für die Dekonstruktion
von Feindbildern und Rassismen stecken! Wir müssen verantwortungsbewusste
Medien schaffen, damit man uns nicht weiter manipuliert und überstimmt! Wir
haben angeblich für nichts Geld, aber immer Milliarden für Waffen! Stellen
Sie sich vor, diese Summen würden in Afghanistan, statt das Volk seit
Jahrzehnten zu knechten, für Schulen investiert? Wer würde uns dann noch
hassen wollen?

Setzen wir uns für ein klares Nein gegen Volksverdummung, Aufrüstung und
jeglichen Krieg ein! Diese Verdrehungen müssen endlich ihr Ende finden!

Goethe, der Brückenbauer zwischen Orient und Okzident, soll einmal gesagt
haben: "Man muss das Wahre immer wiederholen, weil auch der Irrtum um uns
herum immer wieder gepredigt wird; und zwar nicht nur von einzelnen,
sondern von der Masse, in Zeitungen, und Enzyklopädien, auf Schulen und
Universitäten. Überall ist der Irrtum obenauf, und es ist ihm wohl und
behaglich im Gefühl der Majorität, die auf seiner Seite ist."

Jeder von uns zeigt heute mit seiner Anwesenheit, dass er nicht auf der
Seite des Irrtums sein will! Darüber können wir als Erlanger stolz sein und
ich hoffe, es schließen sich uns noch viel mehr Kriegs- und PR-müde
Menschen an!

Vielen Dank!